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„Mein Angehöriger hat Demenz

Mein Angehöriger hat Demenz. Das klingt zunächst so einfach. Ist es aber nicht. Denn wir als die begleitenden Angehörigen gehen durch Höhen und Tiefen, bevor die Diagnose steht. Das Verhalten unserer Lieben hat sich ja schon weit vor dem Zeitpunkt dieser Diagnose verändert, subtil, irritierend, kaum zu greifen. Etwas ist anders. Die Wohnung mag verändert sein, nicht mehr so aufgeräumt. Vielleicht ist auch unser lieber Mensch ungepflegter. Der BH wird über das Unterhemd gezogen, nicht darunter.
Das kommunikative Verhalten ändert sich. Der Angehörige wird emotionaler?, aggressiver??, ängstlicher??, netter?? Wir als Angehörige erklären, argumentieren, werden laut. Aber das nützt alles nichts. Bis wir ahnen, dass sich etwas grundsätzliches verändert hat. Wir gehen mit unseren Lieben zum Arzt.
Es sind wir Angehörigen, Freundinnen, Töchter, Schwiegersöhne, Brüder, Schwestern, die wir diese Menschen durch die Zeit bis zur Diagnose begleiten – und danach, und das macht etwas mit uns, sehr tief. Wir sind irritiert, verzweifelt, traurig. Weil sich nicht nur die Kommunikation völlig umstellt, sondern sich auch unsere Rollen verändern. Die Eltern-/ Kindrollen, aber auch die innerfamiliären Hierarchien. Die „doofe“ Tochter ist plötzlich gar nicht mehr so doof?, der unbeliebte Schwiegersohn wird mit den Augen der Demenz betrachtet plötzlich nett und fühlt sich geliebt.
Man kann Demenz auch als ein Geschenk betrachten, das die Stimme des Herzens hervorholt und Konventionen und Glaubenssätze unwichtig werden lässt. Aber wir als Angehörige müssen da mitgehen, unsere Bedürfnisstruktur muss uns bewusst werden und heranreifen.
Und so gesehen ist Demenz ein Thema, das nicht nur die Betroffenen und ihre Angehörigen etwas angeht, sonders uns alle. Weil es zeigt, welche unterschiedlichen Wertigkeiten Herz und Verstand haben. Spannend.

Simone Morgenthaler
„Im Garten meiner Mutter. Chronik eines Abschieds“

Berlin 2013

„Du bist eingeschlafen in deinem Bett, mit offenen Händen. Sie lagen da wie kleine Schalen des Friedens. Und du hast einfach vergessen, wieder aufzuwachen.“

Die Mutter stirbt, ohne krank gewesen zu sein. Krankheiten beinhalten den Segen der Vorwarnung. Die Tochter findet sie in ihrem Bett, in der vertrauten Umgebung des Elternhauses.
Das Buch schildert das Leben der Mutter im Elsaß, in Haus und Garten, für die Familie, durch die zutiefst liebevollen Augen der Autorin. Simone Morgenthaler schreibt den Text, ihre Schwester Denise Morgenthaler fügt Gedichte hinzu.
Der Text läßt uns teilhaben an Kindheitserinnerungen. An Erlebnissen und Beobachtungen im Haus und bei der Gartenarbeit in dem Jahr nach dem Tod der Mutter.
Die innige Verbindung berührt mich. Simone Morgenthaler schildert, wie sie plötzlich Haarbüschel der Mutter findet, im Garten zwischen den Pflanzen, in der Asche des Herdes in der Küche. Sie läßt uns teilhaben an den Gewohnheiten der Mutter. Die Stiefmütterchensamen, die sich in einer Falte von deren Handtasche finden. Die Mutter sammelt die Samen, wenn sie von der Schönheit einer Pflanze berührt ist.
Eine Kindheit in den 50er Jahren. Die Kleider werden selbst genäht, die Strümpfe gestrickt. Der Garten ernährt die Familie. Nichts wird weggeworfen. Kleider die unansehnlich werden, werden zu Schürzen umgearbeitet, bis sie zu Putzlappen mutieren.
Und immer dieser liebevolle Blick.
„Du hinterläßt so viel Schönheit, dass ich dich umarmen möchte, heftiger denn je.“

Das Buch berührt mich immer wieder, ich habe es mehrmals gelesen. Die Liebe und Vertrautheit zwischen Töchtern und Mutter, die Liebe der Mutter zur Natur, zum Garten.
Es ist ein ruhiges Buch. Lesen Sie es, wenn Sie sich gerade mit Ihrer Beziehung zu Ihrer Mutter beschäftigen als Inspiration.
Dr. Ditta Gehrmann

Ich muss mit meiner Mutter zum Augenarzt. Der einzige Arzt, den sie aufsuchen muss, regelmäßig.

Sie ist 86 Jahre alt und sehr dement. So ist das Leben immer wieder neu. „Was, 86 Jahre alt? Das gibt’s doch nicht“ Immer wieder ein Wundern, ein Staunen über das eigene Alter. „Weisst Du, man fühlt sich nicht so“.
Sie ist gesund, mit Ausnahme der Augen. Sie sieht sehr sehr schlecht. Manchmal denke ich, das verschlimmert die Demenz, weil es die Wahrnehmung zusätzlich einschränkt.
Beim Arzt sitzen wir im Wartezimmer. Sie schimpft: „So eine Zeitverschwendung.“ Dabei hat sie nichts zu tun, außer es sich gut gehen zu lassen. Aber Warten im Wartezimmer: sie wird unleidlich.
Das Schöne an Demenz: immer wieder vergessen, auch das Warten im Wartezimmer.